Flüchtlingsberatungsstellen und Aufnahmeheime z.B. Hessenwinkel bei Erkner

Seit dem Beitritt der Länder Bulgarien, Rumänien, Slowakei, Slovenien, Ungarn und Kroatien zur Europäischen Union besteht für alle Bürger dieser Länder Reise- und Niederlassungsfreiheit. Davor aber war die Freizügigkeit eingeschränkt, was insbesondere das sogenannte fahrende Volk der Roma nicht daran hinderte, das Gebiet seiner Staatsbürgerschaft zu verlassen. Nach der Grenzöffnung war auch die DDR damit konfrontiert worden. 

Almuth Berger

Perspektiven für die Roma-Bevölkerung Rumäniens als transnationale Aufgabe

Deutschland als Ziel: Entwicklungen seit 1989 und Analyse aktueller Trends

Almuth Berger hatte als Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg einen Vortrag  zum Thema Roma in der DDR gehalten. Damit hatte sich unter anderem eine von der Freudenberg-Stiftung organisierte Fachtagung vom 01. bis 03.06.1993 in Machern beschäftigt.

Ein Auszug aus diesem Vortrag verdeutlicht wie das Volk der Roma offiziell und in der Bevölkerung der DDR vor 1989 und danach wahrgenommen wurde und welche Probleme sich mit der Grenzöffnung ergaben.

 

"Es war eines unserer wichtigsten Ziele, überhaupt erst einmal bewusst zu machen, dass das Zusammenleben von Ausländern und Deutschen ebenso wie Flucht und Fluchtursachen Themen sind, die in die öffentliche Diskussion gehören.

'Wir sind ein Land, das nachweislich und anerkannt keine Ausländerfeindlichkeit kennt und das Solidarität mit den Völkern übt.' - das war die festgelegte und angeordnete Grundlinie, die gleichzeitig eine fast vollständige Tabuisierung dieser Fragen mit sich brachte, eine sehr selektive und einseitige Berichterstattung in den Medien, die die eigentlichen Probleme meist verschwieg, nicht einmal Zahlen durften genannt werden!

So wie es die verordnete Solidarität und Völkerfreundschaft gab, die nur bei relativ wenigen zu Begegnungen und Freundschaften mit Menschen anderer Herkunft und dann auch zu solidarischem Handeln führten, gab es den verordneten Antifaschismus. Dessen immer wieder erfolgte offizielle und öffentliche Proklamation verhinderte weitgehend die wirkliche Auseinandersetzung mit der Zeit des Faschismus und vor allem mit der Frage nach dem Verhältnis jedes Einzelnen zum Rassismus und Antisemitismus.

Begünstigt wurde das Schweigen dadurch, dass die Opfer nicht mehr oder jedenfalls kaum mehr sichtbar waren: die verschwindend wenigen Juden in der DDR spielten kaum eine Rolle im öffentlichen Leben, Sinti und Roma, Zigeuner, wie wir sie nannten, kamen in der DDR-Realität nicht vor. Außer der Aussage vom lustigen Zigeunerleben, das wir unbefangen schunkelnd im 3/4 Takt besangen, außer Zigeunermärchen, die es in einer wunderschönen Ausgabe beim Artia-Verlag Prag gab (wenn man das Glück hatte, ein Exemplar zu erwischen) außer Erzählungen meiner Großmutter von den früher jährlich wiederkehrenden Zigeunern in ihrem Heimatort, wussten wir eigentlich nichts. Und obwohl ich einem kirchlichen Kontext aufgewachsen bin, in dem ich mich sehr frühzeitig intensiv mit dem Holocaust an den Juden, mit der Frage von Schuld damals und Verantwortung heute von Deutschen beschäftigt hatte, war mir lange Zeit fast nichts bekannt von dem Völkermord an mehr als einer halben Million Sinti und Roma, nichts von ihrem Schicksal in den Jahren und Jahrhunderten davor in Europa.

Aber wie tiefsitzend mit der Bezeichnung "Zigeuner" nach wie vor Ablehnung, Fremdheit, Diskriminierung verbunden sind, merkte ich, als unsere jüngste Tochter als "Zigeunerin" von ihren Mitschülern abgelehnt und gemieden wurde.
Sie ist ein etwas dunklerer Typ, sie zog sich gern etwas eigenwillig an mit langen, weiten Röcken, sie hörte andere Musik und hatte andere Hobbys als die meisten, sie sagte ihre Meinung auch den Lehrern gegenüber sehr offen. Ihr Anderssein und die Distanz zu ihr machten sie bei den Klassenkameraden, deren Eltern zu einem großen Teil Stasi-Mitarbeiter waren, zur "Zigeunerin". Keine dieser Jugendlichen hatte wohl jemals einen Zigeuner gesehen, denn ich sagte es schon, die DDR war sozusagen "zigeunerfrei".

Und nicht einmal das gab es, was zumindest offiziell im Blick auf die Juden in der DDR erfolgt war: eine Verurteilung des Rassedenkens bzw. des rassistisch geprägten Fremdbildes von dieser Volksgruppe und eine Anerkennung als Opfer.

Die wenigen noch in der DDR beheimateten Sinti oder Roma, die den Holocaust überlebt hatten, wurden nicht als Verfolgte des Dritten Reichs anerkannt.

Ebenso verweigerte man ihnen die Anerkennung und Förderung als nationale Minderheit und damit die Gleichbehandlung in Bezug auf die Sorben, deren Minderheitenrechte in der Verfassung der DDR anerkannt und begründet waren. Dagegen wurde Rassenpolitik in modifizierter Form fortgeschrieben, indem die Angehörigen dieser Volksgruppe pauschal und allein aus Gründen ihrer ethnischen Herkunft als Asoziale behandelt und mit einem Programm der Zwangsassimilierung, der Zwangsarbeit - und darüber vermittelt letztlich der Kriminalisierung - belegt wurden.

Diesem massiven Druck auf die Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung entzogen sich die an den Rändern der großen Städte angesiedelten Familien ostdeutscher, bzw. preußischer Sinti und Roma über die grüne Grenze, weshalb es - abgesehen von wenigen und öffentlich nicht sichtbar Ausnahmen - mehr als eine Generation lang im Hoheitsgebiet der damaligen DDR keine Möglichkeit der Begegnung und authentischen Erfahrung mit der Gruppe der Sinti und Roma gab.

In keinem Land Europas lebt das Volk der Roma und Sinti frei von Diskriminierung und von staatlicher Repression. In keinem Land/ Europas ist die historische Benachteiligung dieser Minderheit überwunden. Aber es gibt wohl kaum ein Land in Europa, das sich so gründlich dieser Erblast eines fortwährenden ethnischen
Konflikts entledigt hat, wie dies in der DDR geschehen ist.

Damit möchte ich die Ausgangssituation für die Ereignisse nach 1989 bzw. nach 1990 in dem Gebiet der früheren DDR kennzeichnen, auch wenn ich weiß, dass es den kaum verhüllten Wunsch nach Verdrängung oder Vertreibung von Sinti und Roma auch andernorts in Europa gibt, ja dass dieser Wunsch tatsächlich Menschen zu gewaltsamen Übergriffen, zu regelrechten Progromen treibt.

Es war die Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der politischen Systeme in Osteuropa, nach der Öffnung der Grenzen, als Roma erstmals wieder im Horizont unserer eigenen Eindrücke und Erfahrungen auftauchten. Davon möchte ich in meinem zweiten Abschnitt berichten. Ich tue dies bewusst in sehr subjektiver Weise. Dies gibt mir die Möglichkeit, in meinen Beitrag die Stimmungslage aufzunehmen, mit der ich dann auch in meiner Arbeit in und um Berlin konfrontiert war, ohne mich dabei zurückzuziehen auf bloßes Räsonieren über Menschen, die noch nicht einmal diese Möglichkeit der Information, der Begegnung und der Reflexion hatten wie ich.

Als am 9. November 1989 die Mauer in Berlin fiel, das Symbol der Abgrenzung und Eingrenzung, unter der wir gelitten hatten, war die Freude über die neugewonnene Freiheit groß, und nachdem die Währungsunion uns zumindest in gewissem Umfang die notwendige konvertierbare Währung beschert hatte, nutzten viele gerade die Reisefreiheit kräftig aus.

Aber dann erlebten die, die stolz ihre Dias aus Italien oder Spanien zeigten, dass nicht nur wir die langersehnte Reisemöglichkeit wahrnehmen, sondern andere zu uns kamen, die hier Zuflucht suchten, die einfach ebenfalls die Freiheit zum Reisen genießen und ein wenig an unserem Wohlstand partizipieren wollten. Das hatten sie sich nicht klargemacht, dass offene Grenzen keine Einbahnstraßen sind, als sie plötzlich damit konfrontiert wurden, dass Menschen aus Polen und der Sowjetunion kamen und vor allem aus Rumänien, dem Land, in dem der Zusammenbruch des alten Systems in blutigen Auseinandersetzungen erfolgt war, nicht mit friedlichen Demonstrationen wie in der DDR und dessen Wirtschaft noch viel mehr am Ende war als unsere, wo ethnische Minderheiten in besonderer Weise wieder einmal zu Opfern wurden, weil die sozialistische Zwangsherrschaft ein verstärkten, oft chauvinistischen Nationalismus Platz gemacht und den gesellschaftlichen Verdrängungsprozess der seit je diskriminierten Roma verschärft hatte.

Auf den Fernbahnhöfen in Berlin wurde die Konfrontation dieser Gruppen mit der Bevölkerung besonders hautnah und explosiv. In Lichtenberg, in Schönefeld und auf dem Hauptbahnhof kamen sie an mit Kind und Kegel, und zum Entsetzen des Bahnpersonals und der deutschen Reisenden blieben sie dort. Sie belegten die Bänke, die Wartesäle, die Bahnhofshallen, oft waren es Hunderte. Tagsüber waren sie unterwegs zum Handeln oder zum Betteln, abends kamen sie wieder, und dann kam schon der nächste Zug an. Die Bevölkerung reagierte mit Empörung und Abwehr. Alle Vorurteile, Spannungen und Ängste diesen einem DDR-Bürger nun wirklich sehr Fremden gegenüber wurden sofort mobilisiert.

Es war dringend notwendig, Unterkünfte zu schaffen, denn diese Situation war     auf den Bahnhöfen in der Tat nicht mehr zu bewältigen - nicht zuletzt im Blicke auf die total unzureichenden sanitären Einrichtungen - und musste zu Konflikten führen. Die wenigen schnell mobilisierten Hilfen durch das Rote Kreuz, deren Mitarbeiter     wirklich ein großartiges Engagement zeigten, reichten einfach nicht. Sie haben aber wenigstens Frauen mit Kleinkindern, Alte oder Kranke versorgt.

Innerhalb weniger Tage mussten Unterbringung und Verpflegung organisiert werden. Eine Turnhalle war die erste Notunterkunft, die bald nicht mehr reichte und ja auch von der Schule wieder gebraucht wurde.

Ein Krisenstab wurde gebildet, und es war erstaunlich, was da möglich war in einer unbürokratischen und wirklich engagierten Zusammenarbeit zwischen meinem Büro und dem der damaligen Ausländerbeauftragten des Magistrats, Anetta Kahane sowie Vertretern der Nationalen Volksarmee, des Zivilschutzes, der verschiedensten Ministerien, dem Roten Kreuz und anderen. Der Ministerrat beschloss, Gelder und Gebäude schnell zur Verfügung zu stellen. Es wurden Kasernen hergerichtet, Verpflegung bereitgestellt, Transporte organisiert. So manche Nacht haben wir damals auf den Bahnhöfen verbracht, um die Bustransporte von dort in die Unterkünfte zu organisieren, wenn wieder ein verzweifelter Bahnhofsleiter vom Dienst abends um 23.00 Uhr bei mir angerufen hatte: 'Es sind schon wieder 500 Leute mit dem nächsten Zug angekündigt, bitte kommen Sie!'

Und es war wichtig, dort zu sein und mit den Menschen zu sprechen: mit aufgebrachten empörten Deutschen, die sich erregten über Unordnung und Schmutz, die nicht verstanden, warum die Kinder zum Betteln geschickt wurden oder die Frauen mit Säuglingen nicht bereit waren, in den Bus einzusteigen, weil ihre Männer noch unterwegs waren. Mit der Polizei musste verhandelt werden, damit sie durch ihr Auftreten nicht sofort Ängste und Aggressionen auslöste bzw. verstärkte.

Die Roma schließlich mussten wir davon überzeugen, dass wir ihnen nichts Böses antun wollten, wenn wir sie aufforderten, in die Busse zu steigen, um in Unterkünfte zu fahren. Es wurde uns deutlich, wie viel Ängste vorhanden waren, wie viel schlimme Erlebnisse hinter diesen Menschen liegen mussten, dass sie so misstrauisch geworden waren. Wenn es gelang, erst einmal einige dazu zu bringen mitzufahren und die Unterkünfte anzusehen, konnten sie dann die anderen überzeugen. Aber es kostete oft viele Stunden geduldiger Verhandlungen, bis es so weit war.

Ich denke, es ist uns dank der Mithilfe vieler gelungen, vorhandene Aggressionen nicht zu sehr eskalieren zu lassen. Nicht gelungen ist uns, Abwehr, Ängste, Unverständnis, Verachtung und Vorurteile in der Bevölkerung, die im östlichen wie   im westlichen Teil Deutschlands vorhanden waren und verstärkt wieder zum Ausdruck kamen, als seit Mitte vergangenen Jahres die Anzahl der Roma, die über die Grenze kamen, anstieg, abzubauen.

Eine Untersuchung des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin (West) aus dem Jahr 1987 hatte erstmals die Sinti und Roma als Vergleichsgruppe in ihre Befragung zur aktuellen Einstellung gegenüber jüdischen Bürgern einbezogen und festgestellt,  dass diese ethnische Minderheit von über 50% der Westdeutschen massiv abgelehnt wird. Eine vergleichende Studie der Forschungsstelle Sozialanalysen Leipzig e. V. aus dem Jahr 1992 bestätigt dieses Ergebnis über Befragungen von Jugendlichen in Ostdeutschland: Roma standen in der Sympathie-Antipathie-Skala mit großem Abstand an unterster Stelle. Interessant ist übrigens, dass dieser Studie zufolge die in Deutschland lebenden Türken bei den Jugendlichen die am zweitstärksten negativ angesehene Gruppe sind, obwohl in der DDR nur vereinzelt Ausländer türkischer Herkunft lebten.

Ebenso nicht gelungen ist es uns damals, eine Möglichkeit  zu schaffen, Roma aufzunehmen, die eine Zeit lang hier bleiben, dann aber wieder zurückfahren wollten, was wir bei vielen feststellten - nach 3 Monaten waren sie weg. Mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes galt auch das Asylrecht als praktisch einzige Möglichkeit nach Deutschland zu kommen. Viele Roma     stellten ein Asylgesuch, obwohl sie gar nicht bleiben wollten. Aber unsere Versuche,  eine legale Möglichkeit der Unterbringung und Versorgung für einige Monate zu gewähren, erst recht natürlich alle Überlegungen für ein Bleiberecht überhaupt oder gar einen Minderheitenstatus, scheiterten an den Ängsten vor einer "Zigeunerinvasion", die angeblich die Folge wäre. Geschürt wurden solche Ängste erheblich mit durch die Medien. Die Titelgeschichte des Spiegels z. B. am 03.09.90 hieß: 'Auf der Suche nach Asyl kommen Zehntausende von rumänischen Roma nach Deutschland. Unter dem Andrang der Roma wollen Politiker sogar das Grundrecht auf Asyl schleifen.'

Solche Überschrift  formulierte Ressentiments und nicht zuletzt das Titelbild - eine große Schar von Leuten, die Roma sein könnten - suggerierten der Bevölkerung die Gefahr einer Invasion. Auch in anderen Zeitungen oder in Fernsehsendungen rückte man gezielt Migranten der Roma-Bevölkerung Rumäniens oder Osteuropas ins Bild. Selbst die taz machte hier keine Ausnahme, auch wenn sie bestimmt nicht zu denen gehört, die die Stimmung gegen Asylbewerber schüren will.

Befürworter wie Gegner schienen fixiert auf Roma als eine Art Symbolfigur des Kampfes um das Asylrecht. Bereits Ende der achtziger Jahre hatte es, ausgelöst durch die Migration einer großen Zahl von Roma aus dem damaligen Jugoslawien, eine heftige Diskussion über die Gewährung politischen Asyls oder wenigstens einer Duldung für Roma aus osteuropäischen Ländern gegeben."

(Auszug aus einem Vortrag von Almuth Berger, gehalten in Machern 1.6.1993)